Du kennst die Szene vermutlich: Noch bevor der Tag richtig angefangen hat, fliegen dir große Worte um die Ohren. „Ich geh’ nicht in die scheiß Kita!“ ruft dein Kind dir entgegen. Vielleicht mit Tränen in den Augen, vielleicht trotzig, wütend, schlagend gegen Jacke, Schuh oder Tür. Und da steht man nun. Im Kopf kreisen Gedanken: Warum jetzt schon wieder? Es lief doch gestern gut. Ich muss doch gleich los. Was sollen die anderen denken?
Der Reflex ist stark, zu korrigieren, zu beschwichtigen oder zu drängen. Zu sagen: „So redet man nicht!“ oder „Aber du hast doch dort Spaß! Deine Freundin wartet doch schon!“. Doch was, wenn wir genau hier einen anderen Weg wählen?
Haltung statt Reaktion
Wie wir mit diesen Momenten umgehen, beginnt nicht mit einem Tipp. Sondern mit einer Haltung. Einer Haltung, die sich fragt: Was will mir mein Kind gerade sagen? Nicht: Wie bringe ich es dazu, jetzt zu funktionieren?
Wenn ein Kind sich gegen den Gang in die Kita wehrt, dann ist das kein Affront gegen uns. Es ist ein Ausdruck innerer Not, ein Rufen nach Verbindung, vielleicht nach Einfluss oder Sicherheit. Vielleicht ist der Abschied schwer. Vielleicht ist der Morgen zu schnell, zu laut, zu getaktet. Vielleicht fehlt schlicht ein kurzer Moment, in dem es sich innerlich bereit machen kann für den Übergang.
„Children are not giving us a hard time. They are having a hard time.“ — Dr. Daniel J. Siegel
Diese Worte laden uns ein, nicht gegen das Verhalten zu arbeiten, sondern mit ihm. Es als wertvolle Information zu betrachten, die uns etwas über die Beziehung und Bedürfnisse unseres Kindes verrät. Unsere Aufgabe ist es, zu führen. Nicht im Sinne von Übergehen, sondern im Sinne von Begleiten. Elterliche Führung bedeutet: Ich sehe dich. Ich halte dich. Und ich zeige dir den Weg.
Das kindliche „Nein“ als Einladung zur Verbindung
Das „Nein“ des Kindes ist kein Machtspiel. Es ist kein Test. Es ist ein Kommunikationsversuch. Und: Es ist ambivalent. Denn in den allermeisten Fällen will das Kind nicht gar nicht in die Kita. Es will nur jetzt gerade nicht. Es braucht Zeit, Kontakt, Verstehen.
Hier helfen empathische Spiegelungen und ein „Yes-Setting“:
- „Du hast überhaupt keine Lust heute. Ist das so?“ (Kind: „Ja.“)
- „Du wärst viel lieber bei mir, stimmt’s?“ (Kind: „Ja.“)
- „Du warst gestern so lange in der Kita, heute brauchst du erst mal ein bisschen Zeit.“ (Kind: „Ja.“)
Das sogenannte YES-Setting ist keine Methode, um das Kind zu überlisten. Es ist ein Weg, es in seiner inneren Realität abzuholen. Und aus dieser Verbindung heraus Lösungen zu finden.
5 Schritte für einen friedlichen Morgen
- Regulation zuerst bei dir
Wenn wir aus einem eigenen Ärger, Stress oder innerem Druck reagieren, greifen wir eher zu Kontrolle als zu Kontakt. Beobachte dich: Was löst die Situation in dir aus? Welcher Anteil reagiert gerade? Kannst du dich zuerst kurz sammeln und regulieren? - Mitfühlen statt überreden
Versuche nicht, dein Kind von der Kita zu überzeugen. Versuch, es zu verstehen. Welche Bedürfnisse stehen möglicherweise hinter dem „Nein“? - Gefühle und Ambivalenz benennen
„Du willst bei mir bleiben und du magst deine Erzieherin eigentlich auch gerne.“ „Es ist schwer, Abschied zu nehmen und gleichzeitig bist du neugierig auf den Tag dort.“ - Bedürfnisse erfühlen – nicht nur verhalten wollen
- Ist es das Bedürfnis nach Verbindung? Vielleicht hilft ein Moment Exklusivzeit vor dem Losgehen.
- Ist es Autonomie? Dann könnt ihr vielleicht eine Entscheidung gemeinsam treffen („Willst du deine Stiefel oder die anderen Schuhe?“).
- Ist es Freude/Spaß? Vielleicht braucht es einen spielerischen Rahmen: „Wollen wir heute mit dem Raketenstart zur Tür fliegen?“
- Übergänge gestalten statt durchboxen
Ein Kuscheltier, das den Weg begleitet. Ein gemeinsames Ritual (Handkuss, Buchseite, Zauberhand auf den Rücken). Kleine Brücken erleichtern große Schritte. Vielleicht acuh „Wir lesen hier noch diese Seite von deinem Buch und in der KiTa Garderobe dann noch die letzten zwei.“ Übergangsobjekte können manchmal echte Wunder bewirken.
Ganzheitlich denken: Du zählst auch!
Und hier noch etwas Wichtiges: Du bist nicht nur Elternteil. Du bist Mensch. Und auch dein Nervensystem spielt eine Rolle. Wenn du erschöpft bist, morgens im Stress, dir selbst kaum Raum lässt, ist es schwer, in solchen Situationen „bei dir“ zu bleiben. Deshalb braucht es mehr als Tipps. Es braucht Selbstfürsorge. Eine realistische Alltagsstruktur. Und manchmal auch: Verzeihen. Dir selbst. Wenn du doch mal gedrängt, geschimpft oder geschwiegen hast.
Kinder sagen nicht grundlos „Nein“ zur Kita. Und sie sagen es auch nicht gegen dich. Sie zeigen dir, was sie brauchen: Halt, Verstehen, Zeit. Und sie brauchen dich in deiner Führung. Klar, liebevoll, verbunden.
Und vielleicht beginnt morgen euer Tag schon ein kleines bisschen anders.
Wichtig: Wenn das KiTa-Nein bestehen bleibt, immer öfter oder intensiv auftritt, solltest du unbedingt auch mit der Einrichtung in Kontakt treten und ein offenes Gespräch führen. Vielleicht ist etwas vorgefallen, vielleicht fühlt sich dein Kind dort gerade wirklich nicht wohl. Transparenz ist wichtig und Pädagog:innen und Eltern sollten immer gemeinsam daran arbeiten, dass die KiTa deinem Kind die bestmögliche Umgebung für seine Bedürfnisse bietet, damit es sich sicher fühlen kann.
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